Tilmann Zahn – ... wie Eisen, wie Staub ...

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Wenn Eisen verrostet, brechen, meist von den Rändern her, kleine schollenartige Stücke ab, die dann, mehr oder weniger schnell und einem Blätterteig ähnlich, zu Krümeln und schließlich zu Staub zerfallen. In diesem Zustand des Zerfallens ist sogar ein dickes Eisenblech weniger belastbar als Papier. Man könnte sagen, dass selbst die gewaltigste Eisenkonstruktion, so stabil und unverrückbar sie auch scheinen mag, nichts weiter ist als Material in einem Übergangsstadium: Nicht mehr flüssig, noch nicht Staub. Ebenso sind alle anderen Phasen Übergangsstadien. In der flüssigen Phase ist Eisen nicht mehr Staub und noch nicht fest, in der Staubphase nicht mehr fest, noch nicht flüssig. Man könnte auch sagen, dass, wenn ein Bauwerk zu Staub zerfallen ist, es nicht etwa von nun an inexistent wäre, sondern nur die Form geändert hat. Die Vergänglichkeit ist, bei näherer Betrachtung, auch den stolzesten Gebilden eingeschrieben wie eine versteckte Gravur, und gerade die Zeichen der Vergänglichkeit sind es, die ihnen ihre Schönheit verleihen: Die Spuren all dessen, was ein Objekt während seines Daseins „erlebt“ hat, bleiben als enigmatische Botschaften auf ihm zurück, bis schließlich das Objekt zusammen mit seiner eingeschriebenen Geschichte langsam zurücksinkt in den fortwährenden Strom von Entstehen und Vergehen.

Die Bauwerke der Menschheit, die kleinen, die großen, die gewaltigen und die gewagten, die komplexen, manchmal aberwitzigen Konstruktionen der industriellen Welt, [...] sie alle teilen doch ein und dasselbe unausweichliche Schicksal: Bereits mit ihrem Entstehen beginnen sie, zunächst unmerklich zwar, jedoch unaufhörlich und unerbittlich, zu Staub zu zerfallen.

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